Videoüberwachung an Bahnhöfen in Remscheid

Posted on June 16, 2009

Camera-128x128Es geistert schon ein paar Wochen durch die Bergischen Zeitungen. Die Bahn will eine Videoüberwachung der Remscheider Bahnhöfe nicht alleine tragen und zumindest die Erstinstallation soll voll der Stadt getragen werden. Stellt sich die Frage warum überhaupt ein System dieser Art installiert werden muss? So soll es Menschen geben, die sich in Video überwachten Örtlichkeiten sicherer fühlen. Andere gehen davon aus, dass dem Vandalismus ein Ende gesetzt wird. Für die Verwaltung ist letzteres entscheidend so heißt es: “Insbesondere die Aufzuganlage und die Bahnsteigausstattung bedarf der Überwachung, um sie dauerhaft funktionsfähig zu halten.” Der RGA hat in seinem letzten Artikel zu dem Thema leider zwei Themen vermischt, die eigentlich so nichts miteinander zu tun haben. Auf der einen Seite geht es um die Gammler, die vor dem neuen Hbf-Gebäude rumlungern, auf der anderen um die Installation einer Videoüberwachungseinrichtung. Für den Bereich vor dem Gebäude ist aber gar keine Überwachung vorgesehen (RGA-Gammler sollen vertrieben werden), von daher hat das eine mit dem anderen nichts zu tun.

Aber zurück zum eigentlichen Thema. Warum braucht ein Bahnhof an dem ein Zug hält überhaupt ein solches System?

Hier geht es um eine Summer von 100.000€ für zwei Bahnhöfe! (Siehe: waterboelles-100.000 Euro für Videoüberwachung an zwei Bahnhöfen). Die Frage die sich hier stellt: In welchen Verhältnis stehen die Kosten für die Videoüberwachung und dem dadurch verhinderten Vandalismus? In den Artikeln vom Remscheider General Anzeiger, der Bergischen Morgenpost und so weiter heißt es lapidar – Erfahrung habe gezeigt, dass es hilft.

Überwachung der Bürger ist ja in den letzten Jahren wieder so richtig im kommen. Neben der Videoüberwachung, hätten wir da unter anderem die Vorratsdatenspeicherung, bald wahrscheinlich eine sinnlose Zensur im Netz, diverse Datenschutz-Eskapaden und so weiter. Bei soviel Engagement auf Seiten der Politik darf die Frage nachdem Sinn gestellt werden. Mit Anti-Terror Maßnahmen lässt sich zumindest in Remscheid nicht punkten. Also Vandalismus und eventuell noch Schutz des Einzelnen?

Dazu hieß es in einem Artikel bei Telepolis in Bezug auf den Überfall in der Münchener U-Bahn (Täter gefasst – Videoüberwachung als Erfolgsmodell?):

Auch in diesem Fall hat dem Mann die Kamera nichts genützt – er muss mit den Folgen des Überfalls leben und hat trotz der Brutalität überlebt. Eine Ergreifung der Täter mag den Wiedergutmachungsgedanken und eine Art von Gerechtigkeit befriedigen, beseitigt aber nicht die Gefahr und die Umstände, die dazu führten. Und ob hier härtere Strafen etwas nützen, bleibt angesichts des Tatherganges reine Spekulation.

Damit wäre der Schutz des Einzelnen schon mal nichtig. Wenn ich trotz Kamera im Krankenhaus liege, hat das System versagt. Bleibt noch zu klären wie es mit dem Vandalismus aussieht. Erfahrungen einer Stadtverwaltung sind ja schön und gut, wo sind die Zahlen? So eine Anlage muss ja auch erstmal betrieben werden und erzeugt auch neben der Installation noch immense Kosten. Ein Professor für Kriminologie, Martin Gill von der University of Leicester, hat eine Studie zu dem Thema veröffentlicht. Für Deutschland konnte ich leider nichts vergleichbares finden, daher muss die Englische Studie herhalten.

Auf dem Blog www.daten-speicherung.de wurde die Studie schon interpretiert und trifft es ziemlich genau unter Kosten und Effizienz findet man folgendes:

Sodann untersucht die Studie die Kosten und Effizienz der Videoüberwachung. Die folgenden Kostenfaktoren sind zu nennen: Ausbildungskosten, Anschaffungs- und Wartungskosten, Vorhalte- und Personalkosten für das Kontrollzentrum. Insgesamt betrachtet kostete eine Kamera durchschnittlich 5.000 Euro pro Jahr. Setzt man die Anzahl der insgesamt verhinderten Straftaten in Relation zu den Kosten aller 13 Überwachungssysteme, ergeben sich Kosten von 9.000 Euro pro verhinderter Straftat. Betrachtet man nur die Überwachung des Großparkplatzes, so kostete jede verhinderte Straftat 2.000 Euro. Die Verminderung der Kriminalitätsangst um einen Prozentpunkt kostete 3.000 Euro. Berücksichtigt man die durchschnittliche Schadenshöhe in Fällen von Diebstahl von und aus Kraftfahrzeugen, so wiegen die durch Videoüberwachung verhinderten Schäden die Kosten der Überwachung nur zu 67% auf. Auf dem überwachten Großparkplatz wäre es erheblich kostengünstiger, Diebstahlsschäden zu versichern als sie zu verhindern. Bei nur einer Überwachungsanlage überstiegen die verhinderten Schäden die Kosten der Videoüberwachung (und zwar um 24%), wobei die Senkung der Kriminalitätsrate in dieser Gegend auf anderen Ursachen als der Videoüberwachung beruhen konnte. In allen übrigen Gegenden stand den erheblichen Kosten der Videoüberwachung keinerlei signifikante Senkung der Kriminalitätsrate gegenüber.

Wie das Verhältnis bei einem Bahnhof aussieht wird dort leider nicht erwähnt, aber ich kann mir nicht vorstellen, dass sich die Unterhaltung wirklich lohnt. Vor allem da es sich um die beiden riesen Anlagen Lennep Bf und Remscheid Hbf handelt. Ok, vorerst zahlt die Stadt nur die 100.000€ für die erst Installation, was ist wenn die Bahn die Anlage nicht weiter betreut? Immerhin wurde schon festgestellt, dass Remscheid in den nächsten Jahren ehh Pleite ist. Zu einem Großstadt-Feeling gehört halt Videoüberwachung und eine Anzeige wann der nächste Bus kommt, letztere zeigt entweder an, dass sie gerade außer Betrieb ist oder die Daten stimmen nicht. Ne ist klar, die Videoüberwachung wird viel zuverlässiger funktionieren und verbrennt garantiert keinen Cent…

Willkommen in der kleinsten kreisfreien Großstadt Deutschlands!


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